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Heilige Scheiße!

Hartmut Schüssler saß aufrecht in seinem Bett und stierte auf sein Handy, das ihn gerade aus dem Schlaf gerissen und ihm den Empfang einer Nachricht angezeigt hatte. Sein Kopf dröhnte. Er hatte gestern Abend nach der ersten Flasche Moscafratta noch nicht genug gehabt und auch die zweite des vollmundigen Rotweines noch fast zur Hälfte geleert. Der teure Barrique machte zwar keinen allzu schweren Kopf, die Menge hatte aber ausgereicht, um ihn beim dritten Film des langweiligen Heiligabendprogramms auf dem Sofa einschlafen zu lassen. Nach fünf war er dann in einer ziemlich verbogenen Lage aufgewacht und hatte sich ins Bett geschleppt.

Erlaubte Tom sich einen Scherz oder nicht? Nein, entschied er. Dazu war Tom zu professionell.

Er las die Nachricht erneut durch und kniff dabei ein Auge zu, um die Buchstaben besser fokussieren zu können.

Bin in der Hölle gelandet. Schiff nach Vung Tau entführt und Lösegeld gefordert. Bereits mehrere Opfer. Drohung, das Schiff komplett in die Luft zu jagen. GSG-9 ist bereits eingeschaltet. Exklusive Story, wenn wir freikommen. Versuch, bei der Firmenleitung was rauszukriegen, um die Geschichte zu füttern. Achtung! Du musst Sarah Küpers persönlich sprechen und ihr unbedingt sagen, in der Firmenleitung sitzt ein Spion! Wenn ich lebend zurückkomme, bringe ich dich um.

Die GCL SOLARIA entführt? Eine Erpressung mit Bomben, wie in einem der vielen schlechten Filme zu diesem Thema? Wahnsinn! Was sollte er jetzt tun? Sollte er die Behörden benachrichtigen? Die schienen ja wohl schon davon zu wissen. Einen Mitarbeiter am Weihnachtsfeiertag nach Kiel in die GCL-Zentrale schicken? Er bezweifelte, dass er jetzt jemanden erreichen würde und Tom hatte ja geschrieben, dass dort ein Komplize der Entführer saß! – Wie verdammt noch mal hatte er das wieder herausgefunden?

Sollte er wirklich auf eine SMS hin selbst in den Wagen steigen und am Weihnachtsfeiertag nach Kiel fahren? Auf jeden Fall musste er seine Setzer in der Redaktion benachrichtigen und sie darauf vorbereiten, dass der Aas-Geyer mal wieder über einer fetten Beute kreiste und sie vorsichtshalber zwei ganze Seiten in den kommenden Ausgaben reservierten. Dass er jetzt schon eine Headline raus haute, war ausgeschlossen, dafür hatte er noch zu wenig Informationen. Warum rief ihn dieser Trottel nicht einfach an?

Hartmut starrte ins Leere und wog seine weiteren Schritte ab. Zumindest einen Kollegen konnte er im Laufe des Tages sicher aktivieren und ihn, zur Recherche verdonnern, ihn Fälle und Berichte von anderen Schiffsentführungen und Piraterie ausgraben lassen und es Tom damit leichter machen, mit dem Material seine Story abzurunden. Er selbst konnte bei der Reederei anfragen und um einen Termin mit dieser Frau Küpers bitten.

Die Vorstellung, sich in seinem Zustand eine Stunde ins Auto zu setzen, behagte ihm gar nicht. Ihm war schlecht und er war sich über seinen nicht unerheblichen Restalkoholpegel im Klaren. Besser nicht.

»Mann, Mann, Tom.!«