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»Neff? Herr Neff! – Das ist mein Name?«

Es brennt hinter meiner Stirn, aber es tut sich nichts. Klingt nicht bekannt. Für mich ein Name wie jeder andere.

»Sie wissen nicht, wie sie heißen?«, fragt der Alte und zieht seine buschigen, weißen Augenbrauen nach oben. 

»Ich weiß gar nichts. Nichts! Wie komme ich hierher? Wo bin ich überhaupt und warum bin ich eingesperrt da drin. Eingesperrt mit einer…«

»Hören Sie zu, Herr Neff. Das alles ist noch ungeklärt, der ganze Fall und wir haben bei der aktuellen Wetterlage auch andere Prioritäten. Aber …«

Einige Minuten später habe ich wenigstens ein ungefähres Bild. Angeblich befinde ich mich auf einem Linienschiff, der Fähre Norröna, auf dem Weg nach Torshavn auf den Färöern Inseln, das dann weiter nach Island fahren soll. 

Mein Name sei Jürgen Neff, sagt der Kapitän. Ich bin Journalist. Und ich sei hier, um über die Reise zu berichten. Eine besondere Reise, auf der Krimi-Autoren mitfahren und aus ihren Büchern lesen. Ein Krimi-Festival auf einem Schiff, auf dem Weg nach Island.

Crime Cruise. Okay. Aber warum kann ich mich an nichts erinnern? 

»Wir haben Sie vor zwei Stunden in einem der Gänge liegend gefunden. Blutbeschmiert. Und mit einer ziemlichen Beule am Kopf.« Ich fasse mir an den Scheitel und es fährt mir durchs Hirn. 

»Und weiter?«

»Mehr kann ich Ihnen momentan nicht sagen«, sagt der Kapitän. »Wir stecken mitten in einem heftigen Sturm, der uns ziemlich beschäftigt da oben auf der Brücke. Deshalb musste ich die Ermittlung erst einmal aussetzen, und habe den ersten  Offizier angewiesen, Sie erst einmal hier in die Kabine zu bringen.«

Er sieht mich von oben bis unten an; bleibt an meinen nackten Füßen hängen. Ich habe keine Schuhe an. Und: ich stehe in Blut. 

»Ich bin in eine Scherbe getreten«, sage ich sofort. Muss ich mich verteidigen? Ich weiß es nicht.

»Also gut. Hören Sie zu. Ich muss wieder auf die Brücke und erstmal sehen, dann wir aus diesem verdammten Sturm herauskommen. Übermorgen landen wir eh auf den Färöer-Inseln. Dann kommt ein Team der örtlichen Polizei an Bord und untersucht den Fall.«

Bei dem Wort „Polizei“ zieht es mir den Magen zusammen.  

»Ich kann Sie nicht in Ihrer Kabine festhalten. Ich erwarte, aber dass sie kooperieren und sich alle zwei Stunden telefonisch beim Sicherheitsoffzier melden. Die Nummer ist 10120.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber der Kapitän dreht sich auch schon um. Ich sehe ihn nach, wie der alte den Gang hinab geht und dann irgendwo abbiegt und verschwindet.

„Jürgen Neff“, wiederhole ich laut vor mich hin. Jürgen Neff. Sagt mir gar nichts. Null. 

Und warum lässt er mich einfach so gehen? 

Ich sehe an mir hinab und auf meinen nackten Füße und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Irgendwann wende ich mich wieder der Tür zu und entdecke unmittelbar ein paar Schuhe, die fein säuberlich nebeneinander direkt daneben stehen. Waren die gerade eben auch schon da?

»Gin-Tonic«, höre ich mich eine viertel Stunde später zu dem Barkeeper sagen und wenig später stellt er ein Glas vor meine Nase.

Ich stehe in einer Bar des Schiffes, allein. Keine Menschenseele. Es ist 00:20 laut dem Barkeeper und er hat eigentlich schon geschlossen. 

Auf dem Weg hierher bin ich noch in eine Toilette abgebogen und habe mich einer Grundreinigung unterzogen, Soweit es eben ging, mir die klebrigen Haare einigermaßen geglättet, die letzten Blutreste entfernt, ein Papierhandtuch in den Schuh geschoben.

Den Barkeeper scheint es nicht zu stören, wie ich aussehe. Weder der Arbeitsoverall noch mein herunterbekommenes Äußeres.  

»Ihre Bordkarte, bitte.« 

»Was? Ach so.«

Automatisch greife ich in meine Hosentasche. Zu meiner Überraschung ertaste ich so etwas wie eine Kreditkarte. Ich ziehe es heraus und halte eine Bordkarte und einen kleinen Zettel in der Hand. 

JUEREN NEFF steht auf der Karte. Und ein Bild von mir. Lächelnd, entspannt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Da greift der Barkeeper bereits danach. Zurück in meiner Hand bleibt der kleine Zettel, den ich am Badspiegel gefunden und eigesteckt habe. 

Ich exe das halbe Glas Gin-Tonic auf einen Zug. 

Was immer du tust. Trau keinem!

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