skip to Main Content

Sanft gleitet die Hand über meine Wange hinab und legt sich vorsichtig auf meine Schulter. Unter der Decke schmiegt sich der Körper von hinten eng an mich und verströmt eine wohlige Wärme. Zwei Arme umschlingen mich und ich spüre einen kühlen Atemzug an meinem Hals, dann Lippen, die ihn zärtlich küssen, dann ein paar Zähne und im selben Moment die Krallen in meiner Brust. 

»Aua!«, stoße ich aus, mache einen Satz im Bett und drehe mich um. Sie lacht mich mit strahlend weißen Zähnen an. 

»Bist du jetzt endlich wach?« 

»Lässt sich nicht vermeiden, du Monster.«

Sie küsst mich, nimmt mich in die Arme, beißt mir knurrend in die Schulter. 

»Guten Morgen, Liebster. Schönen Sonntag«, flüstert sie zärtlich. Dann spüre ich, wie ihre Hände auf Entdeckungstour gehen. Kurz darauf meine auch. 

Angenehm entspannt stehe ich später in der Küche, nur mit einer Unterhose bekleidet. Der Kaffee durftet wundervoll und die Waffeln sind auch fast fertig. 

»Wie lange brauchst du noch?«, ruft es von oben. »Ich vermisse dich.«

»Ist gleich so weit, …!«, antworte ich und bin irritiert. Für eine Sekunde wird mir schwindelig und ich muss mich an der Anrichte festhalten. 

Irgendetwas stimmt nicht. Wie… wie heißt sie? Mir fällt ihr Name nicht ein. Was ist los? 

Ich sehe zu dem Bild an der Wand. Wir zwei am Rand eines Fjords, strahlend, eng umschlungen. Hinter uns die schneebedeckten Berge.

Verdammt. Wie heißt sie und …wie heiße…

»Bring die Zeitung mit, Schatz.«

Ich gehe zur Haustür und öffne sie. Kalte Luft strömt herein. Ich fröstele. Dichter Schnee in der Straße. 

Auf dem Schuhabstreifer liegt die Zeitung. Ich bücke mich danach. Als ich mich aufrichte fällt mein Blick auf den Fussabtreter, auf dem in dicken Letter eine Zahl steht: 33.

Irgendetwas sagt mir das gerade. 

Ich will die Tür schließen, da sehe ich das Schild neben der Klingel: 

Solveig und Jürgen Neff

Ránargata 33

»Schon wieder?«, fragt sie und schafft es nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Enttäuschung worüber genau? 

Nur mein Blick: Sie hat es rein an meinem unsicheren Blick abgelesen. Strahlend kam ich mit dem Tablett ins Schlafzimmer, duftende Waffeln und Kaffee darauf. Musste nichts sagen und trotzdem wusste sie unmittelbar, dass etwas nicht stimmt mit mir. 

»Wie viel fehlt dir diesmal?«, fragt sie unmittelbar, mit ernster und zugleich gütiger Miene. 

Ich blicke sie an, muss lange darüber nachdenken. 

»Ich weiß es nicht.«

Sie nimmt mir das Tablett ab und ich setze mich neben sie aufs Bett. Dann greift sie meine Hand. 

»Du hattest einen Unfall. Vor zwei Jahren.«

»Unfall?«

»Kein Unfall. Du wurdest überfallen und angeschossen.«

»Überfallen. Angeschossen«, wiederhole ich abwesend, durchforste meine Erinnerung. 

»Am Kopf getroffen. Seither gehen dir immer wieder Teile deiner Erinnerung verloren. Mal mehr, mal weniger.«

Sie gibt mir einen Kuss. 

»Weißt du, wer du bist?«

»Jürgen Neff«, antworte ich unsicher. »Steht auf der Türklingel.« Sie nickt. 

»Du bist Skandinavist. Und Krimiautor. Hattest eine Professur für skandinavische Literatur an der Universität Tübingen.«

»Hattest«, wiederhole ich. All diese Informationen sind mir fremd. Ich kenne sie, mein Frau. Ich kenne unser Haus, ein feines Holzhäuschen am Rande eines Fjords. Irgendwie.

»Wo sind wir hier.«

»In unserem Ferienhaus in Seydisfjordur, Island.«

»Island?«