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Ich bin müde. 

Habe mich ein wenig aufs Sofa gelegt, um mich auszuruhen. Schon Nachmittag. Lange haben wir im Bett gefrühstückt und Solveig hat mir mehr von dem Überfall erzählt, von mir, uns; dann musste ich irgendwann aufstehen. Ich musste raus.

Hinter dem Haus habe ich einen Stapel Brennholz entdeckt. Holzhaken hat mich schon immer beruhigt. Glaube ich. 

Ein paar Typen sind bei uns eingebrochen, haben mich als Geisel genommen und Geld von mir verlangt. Sagt Solveig. Und ich habe ihnen auch Geld gegeben. Viel Geld. Aber die haben sich nicht an ihr Versprechen gehalten und haben mich mit zwei Schüssen niedergestreckt. 

Zwei Monate lag ich im Koma. Dann bin ich zur Überraschung der Neurologen aufgewacht. Zuerst konnte ich mich an nichts erinnern, gar nichts. Wer ich bin, was geschehen ist, wer Solveig ist. Doch dann kamen Teile meiner Erinnerung zurück.

Nur gehen sie mir immer wieder verloren. Die Kugeln müssen mein Selbst durchlöchert haben. Mein Ich ist ein Gefäß mit Rissen. Und man kann nicht sagen, wann wieder etwas durchsickert.

Ich blicke zum Fenster hinaus. Seydisfjordur, Island. Warum ausgerechnet hier? Warum ein Ferienhaus am südöstlichen Arsch von Island?

Ein Ich mit Rissen. 

Solveig hatte mittags eine Verabredung, die sie nicht mehr absagen konnte. Sie arbeitet als mobile Altenpflegerin, sagt sie. 

Ich blicke zum Fenster hinaus. Seydisfjordur. Warum ausgerech-net hier? Warum ein Haus am südöstlichen Arsch von Island? Es scheint früher unser Ferienhaus gewesen zu sein. Wohin wir uns zurückzogen, um Urlaub zu machen. Auch zum Schreiben. 

»Du bist Skandinavist. Und Krimi-Autor«, hat Solveig gesagt. Und ich hatte eine Professur für skandinavische Literatur an der Universität Tübingen. Hatte. Mit durchlöcherter Identität wohl nicht mehr möglich. 

Krimi-Autor. 

Was für Krimis habe ich denn eigentlich geschrieben? Habe ich die veröffentlicht? War ich erfolgreich damit? Ich drehe mich zum Wohnzimmer um. Blicke in den Raum. Die längste Wand des Raums besteht aus einem zusammenhängenden Bücherregal. Das Holz knistert im Ofen, verströmt eine angenehme Wärme, die aber nicht bis in meine Seele vordringt. 

Ich gehe zum Bücherregal.