skip to Main Content

 

Skandinavische Literatur. Viel. Eine ganze Wand voll. Das Regal zieht sich das gesamte Wohnzimmer lang. „Runen-schriften“, „Nordische Mythologie“, Strindberg, Ipsen, „Die Geschichte Finnlands“, „Sami“, Schwedenkrimis. Überhaupt viel Kriminalliteratur, auch internationale. Nicht nur nordisch. Ein Regal voll Pathologie, Forensik und so Zeug. 

Ich ziehe immer mal wieder etwas heraus. Die meisten voll gemalt, mit Anmerkungen versehen, kleine Post-it darin. Hier wurde viel gearbeitet.

Ganz am Ende, wo das Regal in die Fensterfront übergeht, die den Blick hinab zum Wasser eröffnet, dahinter die schneeversäumten Berge, entdecke ich meinen Namen. Mehrmals. Oben: Wissenschaftliche Titel. „Die sämische Volksdichtung“, „Henrik Ipsen und Edvard Grieg“. Noch mehr über norwegische und schwedische Literatur, auch Island.

Eine Doktorarbeit: „Peer Gynt in der Welt der Trolle“

Weiter unten einige fiktional klingende Titel: „Wütend“, „Angst“, „Der Fall Nietzsche“, „Happy Slapping“ und „Kreuzfahrt am Abgrund“. Ein Thriller. Ich ziehe das Buch heraus und lese den Klappentext. Sagt mir nichts. Entführtes Kreuzfahrtschiff.

Dann entdecke ich den Zettel, der in dem Buch steckt.

Trau ihr nicht!

Trau ihr nicht!, steht auf dem Zettel. Im selben Moment höre ich die Tür ins Schloss fallen. Ich klappe das Buch zu und schiebe es wieder ins Regal. 

»Ausgepennt«, sagt sie und lächelt. Sie steht im Türrahmen, wunderschön sieht sie aus. Die langen, blonden Haare, ihre blauen Augen. Das Klischee einer nordischen Schönheit. 

Wir essen zu Abend. Sie hat schnell etwas gezaubert, das unglaublich köstlich schmeckt. Kann nicht fassen, dass man so etwas Wundervolles in so kurzer Zeit machen kann. Die Kerze zwischen uns auf dem Tisch verleiht dem Raum eine mystische Verlorenheit. Als ob wir uns in einer anderen Dimension befänden; oder einer anderen Zeit, auf einem anderen Stern. Geduldig schneidet sie sich ein Stück Fleisch ab, sieht mich gütig dabei an.

Hat mir noch ein wenig von unserer Zeit in Tübingen erzählt. Aber das meiste, das wir geredet haben, war nur Alltagszeug. Wie ihre Arbeit heute war, was ich getan habe, …

»War ich mal auf einem Kreuzfahrtschiff?«, frage ich irgendwann. 

Ihr Gesicht hellt sich auf. »WIR waren«, sagt sie. »Erinnerst du dich daran?«

Ich will den Kopf schütteln, tue es aber nicht. »Irgendwie schon. Fetzen davon. Ein Bild von einem langen Korridor mit vielen Türen.«

»Du warst Lektor auf Kreuzfahrtschiffen«, sagt Solveig. »Hast Vorträge gehalten zu Land und Leuten. Den Passagieren etwas über nordische Geschichte und Literatur erzählt.« 

Sie klingt begeistert. Als ob es eine glückliche Zeit gewesen ist. 

»Ich war oft mit dabei. Es war toll. Zwei, drei Wochen auf einem Schiff. Ausflüge in Bergen, im Geirangerfjord, hier in Island. Erinnerst du dich an die Nacht in der blauen Laguna?«

Es tut mir weh, zu verneinen. Ich kann mich zwar an die Lagune erinnern, sogar lebhaft. Ich glaube, man kann das gar nicht vergessen, wenn man einmal dort war. Aber dass ich mit Solveig dort war, davon weiß ich nichts mehr. 

Enttäuschung zieht sich über ihr Gesicht und es ist, als ob der Raum zwischen uns einen Riss bekäme.

Es wird plötzlich kalt. Nicht nur der Ton ihrer Stimme, auch physisch habe ich das Gefühl, als ob die Wände um uns herum plötzlich Eis, Schnee und Wind von dort draußen nicht mehr von uns fern halten könnten. Und ebenso die Dunkelheit der Nacht. 

Die Farben um mich herum verblassen. Solveig, das Esszimmer, der Tisch, alles verschwimmt. Und wird irgendwann schwarz.