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 Kalte Betonwände, feucht. Ein abgewetzter Holztisch, ein Glas Wasser darauf. Ein Stuhl, ebenso verbraucht. Eine Pritsche, auf der ich mich vor einer halben Stunde unter einer alten Decke wiedergefunden habe. Vergittertes Fenster, draußen nichts zu sehen. Eine schwere Eisentür.

»Wo bin ich und warum halten Sie mich hier fest?«, fragte ich den grauhaarigen Kerl, noch bevor er das Tablett auf den Tisch stellen konnte. 

Auf den Färöer Inseln. Das ehemalige Gefängnis dient heute einer kleinen Forschungsgruppe aus Psychologen und Neurologen, informiert mich Doktor Begriffenfeldt. Er ist Deutscher. Und er und seine Kollegen erforschen das menschliche Erinnerungsvermögen, wie es genau funktioniert und was eventuelle Schäden bewirken. 

»Sie haben sich vor einiger Zeit freiwillig bei uns gemeldet. Und sich uns zur Verfügung gestellt.«

Ich habe ihm nicht geglaubt, bis er mir eine Einverständniserklärung gezeigt hat. Eindeutig von mir unterschrieben. 

Angeblich leide ich an einem seltenen Hirndefekt. Verursacht durch einen gewaltsamen Überfall, der vor einigen Jahren an mir verübt wurde. Eine Kugel hat meinen Schädel durchlöchert und seither arbeitet mein „episodisches Gedächtnis“ nicht mehr richtig. Sagt Begriffenfeldt. 

Er geht zu der schweren Eisentür. 

»Sie sind hier kein Gefangener. Wir schließen die Türen abends nur zu Ihrem Schutz ab.«

»Schutz wovor?«

Er sieht mich lange an. 

»Schutz vor anderen Patienten«, sagt er nach einer langen Pause. »Und vor Ihnen selbst.« Dann öffnet er die Eisentür. Draußen steht der Wächter, den ich schon bei Begriffenfeldt Eintreten gesehen habe. 

»Wie geht es Patient 33«, fragt er. 

»Alles in Ordnung. Herrn Neff geht es gut.« 

Dann fällt die Tür zu.

»Tod?«

»Ja.«

»Wann?«

»Ihre Frau starb vor einigen Jahren.«

»Warum?«

Begriffenfeldt sieht mich lange an. 

»Sie erinnern sich nicht?«

»Nein.«

Er macht sich eine Notiz. Dann sieht er wieder zu mir auf; schüttelt den Kopf.

»Wir waren schon weiter.«

Er notiert noch einmal etwas in seiner Akte. 

»Solveig wurde getötet. Bei einem Überfall auf sie beide.«

»Als auch ich meine Kopfverletzung erhielt.«

Er muss es mir nicht bestätigen. 

»Was überlegen Sie«, frage ich ihn nach einiger Zeit. 

»Ob wir ein erneutes MRT machen, oder…«

Dann geht er zu einem Schrank, zieht einen Schlüssel heraus, öffnet ihn und nimmt ein in Leder gebundenes Buch heraus. Er geht zurück zu seinem Platz, setzt sich hin und sieht auf das Buch hinab. Dann legt er es auf den Tisch zwischen uns. 

»Das ist ein Skript von Ihnen. Sie haben es mir bei Ihrer Ankunft ausgehändigt.«

Ich sehe auf das abgegriffene Buch. Das Leder ist vergilbt und speckig. 

»Sie sagten, Sie wollen es nicht mehr sehen. Sie könnten nicht mehr.«

Er klappt die erste Seite auf. Nur drei Worte: 

Ich starre auf das Skript. 

»Ich gehe ein hohes Risiko ein«, sagt Doktor Begriffenfeldt. »Aber es ist ein Versuch.«

Ich sehe ihn an. 

»Warum Risiko?«

Er atmet tief ein. 

»Es ist nicht alles schön, was da drinsteht. Sie verarbeiten Ihre Beziehung zu Ihrer Frau, den Überfall, ihren Tod.«

Er sieht mich lange an. 

»Ihre Frau hat Sie betrogen.« Er macht eine Pause. Wozu? Das, was er mir erzählt hat keinen emotionalen Gehalt für mich. Es ist, als ob er mir von einer anderen Person erzählt. Das bin nicht ich. 

»Sie haben es rausgefunden.(Es hat vielleicht eine Rolle gespielt, bei dem Überfall.)«

Oder von einer Romanfigur. Ich, das bin nur ich im Hier und Heute. Ich blicke auf das Skript hinab. Was vorher war, das ist nicht Teil meiner jetzigen Identität. Weil ich kein Gefühl dazu habe. Keinen Zugang dazu. 

Ich stehe auf und greife danach.