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 Kalte Betonwände, feucht. Ein abgewetzter Holztisch, ein Glas Wasser darauf. Ein Stuhl, ebenso verbraucht. Eine Pritsche, auf der ich mich vor einer halben Stunde unter einer alten Decke wiedergefunden habe. Vergittertes Fenster, draußen nichts zu sehen. Eine schwere Eisentür.

»Wo bin ich und warum halten Sie mich hier fest?«, fragte ich den grauhaarigen Kerl, noch bevor er das Tablett auf den Tisch stellen konnte. 

Auf den Färöer Inseln. Das ehemalige Gefängnis dient heute einer kleinen Forschungsgruppe aus Psychologen und Neurologen, informiert mich Doktor Begriffenfeldt. Er ist Deutscher. Und er und seine Kollegen erforschen das menschliche Erinnerungsvermögen, wie es genau funktioniert und was eventuelle Schäden bewirken. 

»Sie haben sich vor einiger Zeit freiwillig bei uns gemeldet. Und sich uns zur Verfügung gestellt.«

Ich habe ihm nicht geglaubt, bis er mir eine Einverständniserklärung gezeigt hat. Eindeutig von mir unterschrieben. 

Angeblich leide ich an einem seltenen Hirndefekt. Verursacht durch einen gewaltsamen Überfall, der vor einigen Jahren an mir verübt wurde. Eine Kugel hat meinen Schädel durchlöchert und seither arbeitet mein „episodisches Gedächtnis“ nicht mehr richtig. Sagt Begriffenfeldt. 

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Skandinavische Literatur. Viel. Eine ganze Wand voll. Das Regal zieht sich das gesamte Wohnzimmer lang. „Runen-schriften“, „Nordische Mythologie“, Strindberg, Ipsen, „Die Geschichte Finnlands“, „Sami“, Schwedenkrimis. Überhaupt viel Kriminalliteratur, auch internationale. Nicht nur nordisch. Ein Regal voll Pathologie, Forensik und so Zeug. 

Ich ziehe immer mal wieder etwas heraus. Die meisten voll gemalt, mit Anmerkungen versehen, kleine Post-it darin. Hier wurde viel gearbeitet.

Ganz am Ende, wo das Regal in die Fensterfront übergeht, die den Blick hinab zum Wasser eröffnet, dahinter die schneeversäumten Berge, entdecke ich meinen Namen. Mehrmals. Oben: Wissenschaftliche Titel. „Die sämische Volksdichtung“, „Henrik Ipsen und Edvard Grieg“. Noch mehr über norwegische und schwedische Literatur, auch Island.

Eine Doktorarbeit: „Peer Gynt in der Welt der Trolle“

Weiter unten einige fiktional klingende Titel: „Wütend“, „Angst“, „Der Fall Nietzsche“, „Happy Slapping“ und „Kreuzfahrt am Abgrund“. Ein Thriller. Ich ziehe das Buch heraus und lese den Klappentext. Sagt mir nichts. Entführtes Kreuzfahrtschiff.

Dann entdecke ich den Zettel, der in dem Buch steckt.

Trau ihr nicht!

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Ich bin müde. 

Habe mich ein wenig aufs Sofa gelegt, um mich auszuruhen. Schon Nachmittag. Lange haben wir im Bett gefrühstückt und Solveig hat mir mehr von dem Überfall erzählt, von mir, uns; dann musste ich irgendwann aufstehen. Ich musste raus.

Hinter dem Haus habe ich einen Stapel Brennholz entdeckt. Holzhaken hat mich schon immer beruhigt. Glaube ich. 

Ein paar Typen sind bei uns eingebrochen, haben mich als Geisel genommen und Geld von mir verlangt. Sagt Solveig. Und ich habe ihnen auch Geld gegeben. Viel Geld. Aber die haben sich nicht an ihr Versprechen gehalten und haben mich mit zwei Schüssen niedergestreckt. 

Zwei Monate lag ich im Koma. Dann bin ich zur Überraschung der Neurologen aufgewacht. Zuerst konnte ich mich an nichts erinnern, gar nichts. Wer ich bin, was geschehen ist, wer Solveig ist. Doch dann kamen Teile meiner Erinnerung zurück.

Nur gehen sie mir immer wieder verloren. Die Kugeln müssen mein Selbst durchlöchert haben. Mein Ich ist ein Gefäß mit Rissen. Und man kann nicht sagen, wann wieder etwas durchsickert.

Ich blicke zum Fenster hinaus. Seydisfjordur, Island. Warum ausgerechnet hier? Warum ein Ferienhaus am südöstlichen Arsch von Island?

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Sanft gleitet die Hand über meine Wange hinab und legt sich vorsichtig auf meine Schulter. Unter der Decke schmiegt sich der Körper von hinten eng an mich und verströmt eine wohlige Wärme. Zwei Arme umschlingen mich und ich spüre einen kühlen Atemzug an meinem Hals, dann Lippen, die ihn zärtlich küssen, dann ein paar Zähne und im selben Moment die Krallen in meiner Brust. 

»Aua!«, stoße ich aus, mache einen Satz im Bett und drehe mich um. Sie lacht mich mit strahlend weißen Zähnen an. 

»Bist du jetzt endlich wach?« 

»Lässt sich nicht vermeiden, du Monster.«

Sie küsst mich, nimmt mich in die Arme, beißt mir knurrend in die Schulter. 

»Guten Morgen, Liebster. Schönen Sonntag«, flüstert sie zärtlich. Dann spüre ich, wie ihre Hände auf Entdeckungstour gehen. Kurz darauf meine auch. 

Angenehm entspannt stehe ich später in der Küche, nur mit einer Unterhose bekleidet. Der Kaffee durftet wundervoll und die Waffeln sind auch fast fertig. 

»Wie lange brauchst du noch?«, ruft es von oben. »Ich vermisse dich.«

»Ist gleich so weit, …!«, antworte ich und bin irritiert. Für eine Sekunde wird mir schwindelig und ich muss mich an der Anrichte festhalten. 

Irgendetwas stimmt nicht. Wie… wie heißt sie? Mir fällt ihr Name nicht ein. Was ist los? 

Ich sehe zu dem Bild an der Wand. Wir zwei am Rand eines Fjords, strahlend, eng umschlungen. Hinter uns die schneebedeckten Berge.

Verdammt. Wie heißt sie und …wie heiße…

»Bring die Zeitung mit, Schatz.«

Ich gehe zur Haustür und öffne sie. Kalte Luft strömt herein. Ich fröstele. Dichter Schnee in der Straße. 

Auf dem Schuhabstreifer liegt die Zeitung. Ich bücke mich danach. Als ich mich aufrichte fällt mein Blick auf den Fussabtreter, auf dem in dicken Letter eine Zahl steht: 33.

Irgendetwas sagt mir das gerade. 

Ich will die Tür schließen, da sehe ich das Schild neben der Klingel: 

Solveig und Jürgen Neff

Ránargata 33

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Ich blicke den Gang hinab und verschaffe mir Orientierung. Rechts und links Kabinentür an Kabinentür. Hier hinab muss es zu Kabine 33 gehen, vermute ich, da erkenne ich ganz am Ende der Röhre eine Gestalt, die äußerst merkwürdig aussieht: wie…

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»Neff? Herr Neff! – Das ist mein Name?«

Es brennt hinter meiner Stirn, aber es tut sich nichts. Klingt nicht bekannt. Für mich ein Name wie jeder andere.

»Sie wissen nicht, wie sie heißen?«, fragt der Alte und zieht seine buschigen, weißen Augenbrauen nach oben. 

»Ich weiß gar nichts. Nichts! Wie komme ich hierher? Wo bin ich überhaupt und warum bin ich eingesperrt da drin. Eingesperrt mit einer…«

»Hören Sie zu, Herr Neff. Das alles ist noch ungeklärt, der ganze Fall und wir haben bei der aktuellen Wetterlage auch andere Prioritäten. Aber …«

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Gischt donnert gegen die Bordwand. 
Ich reiße die Augen auf, kann aber nichts erkennen. 
Herzrasen im Dunkeln. Das Bettlaken ist nass von Schweiß.
Ächzend neigt sich das Schiff im Sturm. 
Etwas rollt über den Tisch neben meinem Bett, klirrt irgendwo dagegen. 
Ich taste nach dem Lichtschalter, zucke zurück als meine Hand etwas berührt. Etwas Großes, einen Körper! Direkt neben mir. 
Wo bin ich?! 

 

„Hallo…“   Nichts.   „Ist da…“

 

Kein Atem zu hören. Die Angst kriecht durch jeden Millimeter meines Körpers. Eine weitere Welle erschüttert das Schiff und ich zucke zusammen. Metallen dröhnt es in meinen Ohren, die Muskeln verkrampfen zu Stein. 
Behutsam drehe ich mich und suche nach einem Schalter. 
Der Kahn krängt sich zur anderen Seite und die Wasserflasche auf dem Tisch rollt in dem Moment wieder los, als das Licht angeht. Noch halbblind greife ich danach; zu spät. Sie erreicht in dem Moment die Tischkante und zersplittert ein Augenzucken später auf dem Boden in tausend Stücke. 
Ich traue mich nicht, mich umzudrehen. Wer auch immer da liegt: er müsste wachgeworden sein. Eine Schweißperle rinnt mir über die Wange zum Hals hinab und über die nackte Brust. Ich atme einmal ein und drehe mich um. 
Und sofort überwältigt mich das Grauen. 

 

Hyperventilierend starre ich in den Badspiegel. Das Wasser, das ich mir soeben ins Gesicht geworfen habe, rinnt an mir hinab, verwischt sich mit Blut. 
Was ist hier los? Verdammte Scheiße! Ich habe keine Ahnung, wo ich bin oder wie ich hierher komme. Und ich weiß verdammt nochmal nicht, wie diese Leiche in meine Kabine kommt oder wer der Tote überhaupt ist. 
Meine erste Reaktion war: raus hier! Aber die scheiß Tür war verschlossen. In Panik riss an der Klinke, donnerte dagegen, aber das Ding ließ sich nicht öffnen. Weil sich nichts anderes bot, warf ich mich gegen die einzige andere Tür, die zur Verfügung stand, und floh ins Bad.

 

Ich fülle meine Hände mit einer weiteren Ladung Wasser. Es rinnt über meine blutige, verschwitzte Stirn als ich mich näher im Spiegel betrachte. Ich erkenne mich, auch wenn meine Haut fahl ist, meine Augen tiefe Furchen ziehen – aber… Ich weiß nicht, wo ich bin oder wie ich verdammt nochmal hier her komme. Warum liege ich nackt und mit Blut beschmiert in der Kajüte irgendeines Schiffes, neben mir ein Toter? Erst jetzt bemerke ich, dass mein Bart mindestens fünf Tage alt sein muss. Ich sehe entsetzlich aus. Und in diesem Moment realisiere ich noch etwas ganz Anderes. 

 

Ich weiß auch nicht, wer ich bin! 

Panik überfällt mich, ich starre in den Spiegel und versuche krampfhaft, mich an einen Namen zu erinnern. Nichts.

Schon wieder Schweißausbruch. Mein Hirn scheint ein tiefer schwarzer Brunnen, in den ich hinabblicke, ahne, dass dort unten etwas sein muss. Aber ich kann nichts erkennen. Gar nichts. „Wer bist du?!“, brülle ich den Menschen im Spiegel an. „Und wer ist der da?!“

Ich traue mich nicht, wieder da raus zu gehen. Zu dem Toten. Oder soll ich…
In diesem Moment erst entdecke ich den Zettel, den man eigentlich gar nicht übersehen kann, weil er quasi genau in der Mitte des Spiegels klebt. Muss durch ihn hindurch gesehen haben. Ich bin nicht zurechnungsfähig, definitiv. Meinem Verstand ist nicht zu trauen. Und das, was ich jetzt auf dem Zettel lese, raubt mir den letzten Rest an klarem Denken. 

 

WAS IMMER DU TUST. VERTRAU KEINEM !!

Scheiße. Ich habe keine Ahnung, wie mein Name lautet oder wo ich mich befinde. Ja, ich weiß noch nicht einmal, warum ich mir dessen sicher bin: aber ich weiß definitiv, dass das meine eigene Handschrift ist auf diesem Zettel. 
Und dann fällt mein Blick auf den rechten unteren Rand des kleinen Notizzettels; ein typischer Post It, wie man sie überall zu Werbezwecken geschenkt bekommt.

Und dort steht in kleinen gefährlichen Lettern:  

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